Bezirksimkerverein Unteres Kocher- und Jagsttal

Chronik der Imkerei in der Region und des Vereins

Honig von Honigbienen wird in unseren Breiten schon so lange gesammelt, wie hier Menschen leben. Vielfältige Funde aus keltischer Zeit beweisen: Keltenfürsten liessen sich in unserer Region neben Fahrzeugen, Kissen, Sitzmöbeln riesige Kessel voller Honigwein mit ins Grab geben, um irdische Genüsse mit ins Jenseits zu nehmen. Die dafür nötigen erheblichen Mengen Honig wurden von wildlebenden Bienenvölkern im Wald gesammelt. Ab dem Frühmittelalter war die Beschäftigung mit Bienen, Honig und Wachs die Aufgabe der Zeidler, die Waldbienenzucht betrieben. Bereits im 14. Jahrhundert entstand eine angesehene Zeidlerzunft in Süddeutschland mit Privilegien wie eigener niedriger Gerichtsbarkeit, Erlaubnis zum Führen einer Waffe und besonderer Kleidertracht. Honig war das einzige Süssungsmittel, Wachs für gute Kerzen wichtig und gut bezahlt.

Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Imkervereinigungen und -zeitungen. Eine erste Imkervereinigung außerhalb des Zeidelwesens war die 1768 gegründete Fränkische Bienengesellschaft. Ein Jahr später richtete die österreichische Erzherzogin Maria Theresia in Wien die weltweit erste staatliche Imkerschule ein.

1838 erschien in Deutschland erstmals regelmäßig eine Imkerzeitung ("Monatsblatt für die gesamte Bienenzucht"). Ab dieser Zeit bildeten sich mehrere regionale Imkerorganisationen aus, die sich wegen ihrer periodischen Treffen als „Wanderversammlungen“ bezeichneten.
In diesen Jahren entwickelten sich in der Imkerei viele der Methoden und Prinzipien, die heute noch angewendet werden. Die Honigschleuder wurde erfunden, vorher kannte man nur Presshonig oder den erhitzten Seimhonig. Die alten Bienenkörbe kamen aus der Mode, stattdessen wurden Magazinbeuten mit beweglichen Rahmen eingeführt. Gleichzeitig verlor die Imkerei enorm an Bedeutung. Zucker aus Zuckerrohr und Rüben verdrängte den Honig als Süssungsmittel, künstliche Wachse für Kerzen das Bienenwachs. Die Zeidlerei als Beruf erlosch, Bienenhaltung wurde stärker zum Nebenerwerb oder Hobby und besonders beliebt bei Pfarrern, Lehrern und Förstern.

1881 In der württembergischen Oberamtsbeschreibung Neckarsulm wird die Bienenzucht genannt: "Bienenstöcke waren 1873 im Bezirk 1587, worunter 371 mit beweglichen Waben. Dieselbe wird von einigen Privaten ziemlich stark und auch rationell betrieben und zwar in den Ortschaften Jagsthausen, Bittelbronn, Reichertshausen, Kochendorf, Neckarsulm, auch auf den Gütern Maisenhälden, Ernstein, Seehof.". Jenseits der Bienen zeichnet die Oberamtsbeschreibung eine untergegangene Welt, beschreibt eine Natur, die nur 100 Jahre später enorm verarmt ist, eine Massenausrottung von Pflanzen- und Tierarten erlebt hat. Um Bittelbronn existiert heute eine ausgeräumte Agrarlandschaft, Maisenhälden ist heute der Name für ein Industriegebiet mit gigantischen blechernen Hallen und extremem LKW-Verkehr, zubetoniert und flachgebaggert. Neckarsulm ist heute ein eng bebauter Häuserbrei mit Fahrzeugindustrie samt Zulieferern.
Die Imkerei erlebt den Übergang auf Magazinbeuten. Die Bienenvölkerzahl bleibt trotz stark steigender Bevölkerungsdichte (1881 noch 30 Menschen pro Quadratkilometer im Oberamt Neckarsulm, heute zehnmal so viel) ab jetzt in etwa konstant.

1896 muß schon eine Imkervereinigung mit Mittelpunkt in Bittelbronn existiert haben. Zu diesem Zeitpunkt trat ein Herr Wilhelm Ott aus Bittelbronn der Vereinigung bei, später Ehrenmitglied im Verein bis zu seinem Tod 1962.

1906 oder 1908 entstand laut einem alten Protokoll ein Imkerverein im Kochertal. Vorsitzender bis 1929 war Karl Böhringer aus Brettach, Landwirt. Frühe Mitglieder waren Karl Hummel, Christian Schoch, E. Keller, Eugen Dietz, Karl Schwab aus Kochersteinsfeld. Bis 1931 war Karl Munz (Hauptlehrer aus Gochsen) Vorsitzender, dann Christian Sinn aus Neuenstadt, ein Kaufmann. Die Gruppe war noch mit dem Imkerverein Heilbronn verbunden, wo die Hauptversammlungen stattfanden.
Dem Landesverband wurde das Jahr 1908 als Gründungsjahr genannt – der Grund dafür, 2008 eine rundes Jubiläum zu begehen.

1911 In Neudenau versammelten sich nach einem Aufruf von Pfarrer Metz „badische und württembergische“ Imker, um sich dem badischen Landesverein anzuschliessen – sie fühlten sich von Heilbronn vernachlässigt. Betont wird, dass württembergische Imker als vollberechtigte Mitglieder gelten und auch die badische Bienenzeitung bekommen, die „beste Bienenzeitung Deutschlands“.

Die Sorgen und Nöte der Imker unterschieden sich nicht grundsätzlich von der Gegenwart. Die Honigpreise waren zu niedrig, Kunsthonig aus Rübenzucker überschwemmte den Markt, man kämpfte juristisch gegen gefärbten und gepanschten Honig, sorgte sich um Trachtpflanzen, fürchtete sich vor der „Bienenpest“, der Faulbrut, die heute noch ein grosses Problem ist. Im ersten Weltkrieg wurde Honig wieder teurer, dafür herrschte Zuckerknappheit und es gab eine Abgabepflicht für Honig und Wachs.

1925 Die erste einheitliche Imkerorganisation entsteht durch die Gründung des Deutschen Imkerbundes unter der Präsidentschaft von Detlef Breiholz. Der Imkerbund ist auch heute noch die größte deutsche Imkervereinigung. In ihm sind die einzelnen Imker-Landesverbände organisiert. 1926 wurde das DIB-Einheitsglas aus der Taufe gehoben.

1934 kam es zum Zusammenschluss der Vereine im unteren Kocher- und Jagsttal. Der Bienenverein bekam seinen heutigen Namen. Für das Jagsttal war Pfarrer Hofacher der Vorsitzende, ab 1939 in Roigheim Karl Henninger, Wirt aus Bittelbronn; Karl Förch aus Lampoldshausen zweiter Vorsitzender, Frau Kraft aus Roigheim Schriftführerin. Neuer Sitz des Vereins: Bittelbronn.

1945 verbrannten alle Unterlagen bei der weitgehenden Zerstörung Heilbronns am Ende des zweiten Weltkriegs durch aliierte Bomber. Deshalb sind über die Anfänge der Vereine keine amtlichen Informationen mehr vorhanden. Auch der Imkerverein musste sich ganz neu eintragen lassen, nun mit Sitz in Möckmühl.
In der Kriegszeit und danach herrschte strenge Rationierung. Imker bekamen nur Zucker für die Winterfütterung, wenn sie mindestens 3kg Honig pro Volk sowie Bienenwachs abgegeben haben. Die Anzahl der Bienenvölker wurde vom Polizeidiener gezählt und überwacht, Imker aufgefordert zur Ertragssteigerung mit den Bienen in Raps und Rübsen zu wandern. Für die Einfütterung bekamen die Imker pro registriertem Volk braunrot gefärbten und vergällten Zucker, um den Zuckerweiterverkauf auf dem Schwarzmarkt zu verhindern. Der Zucker wurde nicht einmal auf ganz ausgegeben, sondern stückweise, der Rest oft erst im Januar. Es wurde empfohlen, im Januar leere Waben mit dicker Zuckerlösung zu tränken und in die Völker zu hängen.

Selbstverständliche Dinge waren schwierig, um zum Beispiel zum Bienenstand oder den Feldern ausserhalb des Ortes zu gelangen brauchte man einen Passierschein. Kam man zu spät zurück, waren die Brücken über Kocher und Jagst geschlossen.

Für ein paar Jahre hatte Honig wieder einen echten Wert und wurde beliebtes Tauschmittel. Direkt nach dem Krieg erlebte der Verein Höchststände bei den Mitgliederzahlen, viele Kriegsversehrte hielten Bienen.

1952 weist die Möckmühler Stadtchronik 15 Imker im alten Stadtgebiet mit 180 Völkern aus. Auch heute noch kommen in Deutschland rechnerisch etwa 8-12 Völker auf einen Imker. Der gesamte Verein hatte insgesamt 84 Mitglieder mit über 1000 Völkern.
Mitte der 1950er Jahre berichten die Mitglieder von ersten schweren Schäden an Bienen durch Spritzmittel, betroffen sind Völker in der Nähe des Bahndamms durch Herbizide gegen Unkraut an den Gleisen und an Kartoffelfeldern durch Insektizide gegen Kartoffelkäfer.

1967 Karl Förch aus Lampoldshausen wird Vorstand. Bis in die 1970er Jahre halbieren sich die Mitglieder- und Völkerzahlen. Die Menschen haben immer weniger Zeit, pendeln mit dem neuangeschafften Auto, verdienen viel Geld in der Industrie. In den Supermärkten steht billiger Importhonig aus dem Ausland, Südamerika, später China, Direktverkauf und Wochenmärkte erleben einen Niedergang. Honig wird zu überall käuflicher Massenware, die Eigenversorgungsquote sinkt im Laufe der Jahre auf unter 20%. Die Landwirtschaft verliert insgesamt sehr an Bedeutung. Andere fürchten, die nötige regelmässige Pflege der Bienen könnte den verdienten Urlaub blockieren. Imkerei gilt in der Bevölkerung als angestaubtes Rentnerhobby, bei dem man neben der Mühe mehr draufzahlt als zurückbekommt. Die Nahrungsquellen der Insekten verschwinden: Aus den Obstwiesen werden Wohngebiete und Umgehungsstrassen, aus Obstbäumen werden Koniferen im Vorgarten neben Doppelgaragen, aus Blütenwiesen wird Rasen. Die Flurbereinigung macht aus einer kleinräumig gegliederten Heckenlandschaft industriell bewirtschaftete ausgeräumte Agrarflächen, die mit viel Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf Höchsterträge getrimmt werden. Wiesen und Felder verändern sich, aus den Getreidefeldern verschwindet das für Insekten so wichtige "Unkraut" Kornblumen und Mohn. Der gelbe, intensiv schmeckende Kornblumenhonig verschwindet.

Sehr drastisch wirken sich die neuen Bewirtschaftungmethoden aus. Gras war vorher als Tierfutter sehr wertvoll. Man mähte zweimal im Jahr, erstmalig im Juni nach der Blüte, später noch eine Omahd. Die Wiesen waren blütenreich, hinzu kamen Heckengehölze mit grosser Blüten- und Tierbewohnervielfalt an den Feldrändern. Die Bewirtschaftung von Obstwiesen wird jetzt zu grossen Teilen eingestellt, das Obst wird auf Plantagen auf Zwergbäumen mit vielen Pflanzenschutzmittel erzeugt oder gleich importiert, Wiesen werden schon vor der Blüte gemäht, Blumen können keine Samen mehr bilden. Der Kirschanbau im Vereinsgebiet kollabiert, bis dahin hatte er einen Schwerpunkt um Reichertshausen. Die Tierhaltung wird in Grossbetriebe verlagert, die das Tierfutter importieren. Wenn noch unter Obstbäumen gemäht wird, lässt man nun das Gras liegen und mulcht damit, was zur Wuchsbevorzugung von Gräsern führt - die Blumen verschwinden, ebenso an Wegrändern. Honig im Spätfrühling hiess bis in die 1970er Jahre auch "Wiesenhonig" - heute ist er vollständig verschwunden, stattdessen besteht eine "Trachtlücke".

1974 Gerhard Föll wird erster Vorsitzender. Die stetige Intensivierung in der Landwirtschaft machen die Imkerei nicht leichter. Standimker haben es noch schwerer. Wer gute Honigerträge will, wandert: Die Bienenvölker werden auf Fahrzeuge geladen und über weite Strecken mehrmals im Jahr dorthin transportiert, wo auf Honigerträge gehofft werden kann. So kommt es, dass hiesige Imker Kastanien- und Tannenhonig anbieten können, ohne dass im Vereinsbezirk nennenswerter Kastanien- oder Tannenwald vorhanden ist.

1978 Hermann Stammer aus Möckmühl wird erster Vorsitzender. Der Verein ist nicht gross, aber aktiv und engagiert. Unter Hermann Stammers Leitung werden Reinzuchtköniginnen für die Zuchtarbeit im Verein besorgt. Man beteiligt sich auch an der Landesgartenschau in Heilbronn.

1985 Renate Henninger wird erste Vorsitzende. Die aus Südasien importierte Varroamilbe erreicht unsere Region. Dieser Bienenparasit erschwert die Imkerei und erfordert stark verändertes Wirtschaften mit den Bienenvölkern. Mit wachsender Verzweiflung sucht man nach Mitteln gegen Varroa destuctor. Man experimentiert mit Palmitinsäure und verwendet Folbex VA - Streifen mit dem heute längst verbotenen Brompropylat, dann Perizin mit dem Wirkstoff Coumafos. Einige Jahre lang müssen die Imker nun selbst giftige Chemikalien einsetzen oder die Völker sterben, erst später lernt man, organische Säuren (Ameisensäure, Milchsäure, Oxalsäure) einzusetzen, die auch in der Natur vorkommen. Angesichts der schwierigen Bekämpfung und der nötigen neuen (und aufwendigeren) Völkerführung geben weitere Imker die Bienenhaltung ganz auf. Die Mitgliederzahlen erreichen Tiefstwerte, 1985 besteht der Verein nur noch aus 33 Imkern, steht kurz vor der Auflösung. Man versammelt sich vierteljährlich an wechselnden Orten, später monatlich. Mit Honigverkauf ist meist kein Gewinn zu machen, der Hobbycharakter der Imkerei rückt in weiter in den Vordergrund.

2007 Ein grosser Anfängerkurs in Möckmühl und allgemein gestiegenes Interesse am Hobby „Bienenhaltung“ verjüngt den Verein, der nun wieder 50 Mitglieder bei rund 350 Bienenvölkern zählt. In ganz Süddeutschland sind die angebotenen Anfängerkurse sehr gut besucht, oft restlos ausgebucht. Die Bienenhaltung ist medial wieder viel stärker präsent – mit positiven wie negativen Nachrichten. Die Schlagzeilen der Zeit drehen sich um Pollen im Honig von gentechnisch veränderten Pflanzen oder gar Antibiotika von feuerbrandgefährdeten Obstanlagen, massenhaftes Bienensterben durch Varroa und Neonikotinide, aber auch über erstaunliche neue oder wiederentdeckte Heilwirkungen von Honig und Propolis. Vorstände nach Renate Henninger sind Matthias Friedlein, Richard Poppe, ab 2014 Heidrun Schellenbauer, ab 2017 Thomas Reichert.

2015 Mit dem mittlerweile dritten ausgebuchten Anfängerkurs wächst der Verein rapide und hat nun fast 100 Mitglieder. Bienen halten ist landesweit schwer "in", noch nie zuvor hatten Bienen und Imker ein so gutes Image - auch Banken, Regierungspräsidien und Ministerpräsidentensitze lassen Bienenvölker an oder auf ihren Gebäuden aufstellen. Dieser Erfolg ist auch eine Gegenreaktion auf die immer weiter fortschreitende Schrumpfung und Totalvernutzung der Naturreste. Durch die ehemals ländliche Region unseres Bienenvereins lärmen heute breite Autobahnen über riesige Bücken wie die Jagsttalbrücke der A81. Raketentriebwerke werden im abgeholzten Hardhäuser Wald Wald getestet, daneben ganze Gruppen von 200m hohe Stahlbetontürmen von Windkraftanlagen in diesem einzigen grösseren Waldgebiet hochbetoniert. Am Rande des Vereinsgebiets zwischen Bittelbronn und Billigheim befindet sich eine grosse Giftmülldeponie, in der Mitte mehrere quadratkilometergrosse stetig wachsende Industriegebiete in ausnahmslos jeder Gemeinde. Donnernder Schwerlastverkehr von "Logistikdienstleistern" mit osteuropäischen Zeitarbeitern am Steuer frisst sich durch die vormaligen bunten Wiesen und verbauen mit riesigen Hallen auf abgebaggerten ehemals guten Böden unwiederbringlich Flächen um Flächen, ohne dass Wohlstand oder Lebensqualität irgendwie steigen würden, im Gegenteil. Immer neue Wohngebiete, breite Strassen, Verdichtungen werden gezont. "Heimat" ist beliebig, fern und beziehungslos geworden. Einem vermeintlichem Wohlstand zur scheinbaren Bedürfnisbefriedigung quer durch die Welt hinterherzujagen ist üblich geworden. Beziehungen der Menschen zu einer weitgehend vernutzten Umgebung bauen sich kaum mehr auf. Wer hätte das vor nur hundert Jahren gedacht?

Das weckt aber auch die Sehnsucht der Menschen nach den verlorenen Dingen, die Sehnsucht resonant mit der Welt verbunden zu sein. Damit ist das Summen der Bienen, die grandiose Selbstorganisation des Bienenstaats, der Duft eines Bienenvolks und der des Bienenwachses, die wunderbar aromatische natürliche Süsse des Honigs für die Menschen wieder wertvoller und anziehender geworden. Die Imkerei ermöglicht ihnen verlorene alte und neue Einblicke in Natur und Welt. Bienen sind faszinierender denn je!